Eine Welt ohne Barrieren: Wenn Inklusion Selbstverständlichkeit ist

14. Juni 2021

Sanft werde ich vom Surren der sich automatisch öffnenden Rollläden aus dem Schlaf geholt. Es ist sieben Uhr, die Sonnenstrahlen klettern über den Uetliberg. Ich mache mich bereit für den Arbeitstag beim Cybathlon der ETH Zürich, ein Kribbeln in meinem Bauch. Heute steht eine wichtige Präsentation vor dem Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen an. Präsentationen gehörten noch nie zu meinen Stärken, doch meine Arbeitskollegin ist an meiner Seite und präsentiert mit mir.

Im Vortrag geht es darum, wie technische Assistenzsysteme wie gedankengesteuerte Prothesen, Rollstühle oder Exoskelette Menschen mit Behinderungen im Alltag helfen können, wo Infrastruktur und Umgebung noch immer nicht barrierefrei sind. Wir sind prädestiniert für diese Präsentation, arbeitet das Cybathlon-Team doch in einem Gebäude, das alles andere als barrierefrei ist. Die Zürcher Denkmalpflege erlaubt es nicht, das Gebäude so zu optimieren, dass es für Menschen mit körperlichen Behinderungen vollständig zugänglich wäre.

In meinem Büro angekommen empfängt mich meine Arbeitskollegin. Sie weiss genau, wie aufgeregt ich bin und spricht mir Mut zu. Ich bin froh, sie an meiner Seite zu haben, seit zehn Jahren bereichert sie unser Team. Wenige Jahre zuvor begannen Versicherungen und Krankenkassen, Menschen mit Behinderungen beim Kauf von robotischen Assistenzsystemen viel stärker zu unterstützen, da sie den sozialen und ökonomischen Nutzen für die Gesellschaft erkannt haben. Seither ist es für die rund 1,7 Millionen Betroffenen in der Schweiz möglich, Assistenzsysteme zu erwerben, die sie im Alltag unterstützen und so zu ihrer Inklusion in der Gesellschaft beitragen können. Dank dieses Umstands kann auch meine Kollegin, die mit Querschnittlähmung auf einen Rollstuhl oder ein Exoskelett angewiesen ist, für den Cybathlon arbeiten – und in diesem Moment meine Nerven beruhigen.

Doch nicht nur im Mut machen ist sie gut. Ihre Expertise und Kompetenz in den Bereichen barrierefreie Kommunikation, Assistenzsysteme und Inklusion sind extrem wertvoll. Die Diversität in unserem Team und an der ganzen ETH Zürich ist eine Bereicherung für die Gesellschaft, die Hochschule und mich persönlich. Unterschiedliche Perspektiven erweitern meinen Horizont und regen mich zu neuen Denkweisen und Ideen an.

Heute ist meine Kollegin im Exoskelett unterwegs. Sie wechselt gerne zwischen Rollstuhl und Exoskelett ab, um nicht nur Verletzungen durch Überbeanspruchung vorzubeugen, sondern auch mehr Mobilität, Freiheit und Unabhängigkeit zu haben. Durch den Abbau von Hindernissen in den letzten Jahren ist es für Menschen mit Behinderung möglich geworden, immer mehr am sozialen und politischen Leben teilzunehmen und sich zu repräsentieren, was den weiteren Abbau von mentalen und physischen Barrieren vorangetrieben hat. Inklusion ist endlich Selbstverständlichkeit.

Meine Kollegin geht in natürlichen Bewegungen in die kleine Küche im Büro, das kompakte Exoskelett geräuschlos, Krücken zur Stabilität braucht sie schon lange keine mehr. Wir trinken einen Kaffee und gehen ein letztes Mal die Kernbotschaften unseres Vortrags durch: Der Mensch steuert die Technologie – und nicht umgekehrt. Der Mensch wird niemals von der Technologie ersetzt werden können. Doch die Technologie kann Menschen unterstützen, ein autonomes Leben zu führen.

 


 

Dieser Text wurde ursprünglich als Aufsatz zum Thema «2040 Essay Contest: A day in [y]our life» beim Strategic Foresight Hub (SFH) eingereicht. Aus den eingesendeten Essays hat das Team des SFH vier Essays ausgewählt, welche auf dieser Seite publiziert wurden. Sie können bis am 21. Juni Ihre Stimme für Ihren Lieblingstext abgeben.

Der Strategic Foresight Hub im Stab Präsident der ETH Zürich wurde geschaffen, um in das faszinierende Gebiet der langfristigen Trends und plausiblen Zukunftsszenarien einzutauchen. Die Kernaufgabe des Hubs besteht darin, ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, wie sich die Universität, unsere Gesellschaft und die Welt insgesamt in der Zukunft entwickeln könnten.

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